#geschichtenderbefreiung

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Eine Social-Media-Aktion der Interessengemeinschaft niedersächsischer Gedenkstätten und Initiativen zur Erinnerung an die Befreiung nationalsozialistischer Lager und Haftstätten. Die Links zu unseren Social-Media-Seiten gibt's im Menü.

Der folgende Slider enthält die ausführlichen Beiträge unseres Arbeitskreises.

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01.04.1945: Im KZ-Außenlager Conti-Limmer

Luftbild des Continental-Werks und des KZ Conti-Limmer, April 1945 | © Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH
Luftbild des Continental-Werks und des KZ Conti-Limmer, April 1945 | © Luftbilddatenbank Dr. Carls GmbH

Luftangriff auf Hannover: »Genau um 11 Uhr bricht plötzlich ein gewaltiges Bombardement über uns herein.  Die arme Baracke, in der wir uns befinden, bebt und kracht. Die einen laufen zu den Unterständen, die anderen – zu denen ich gehöre – bleiben in der Stube. Das Getöse ist höllisch, Explosion auf Explosion. Das Rohr unseres Ofens reißt heraus, Ruß und Rauch entweichen; die Fensterscheiben zersplittern. Nach einer Stunde kehrt endlich Ruhe ein. Wir verlassen den block und – oh Verblüffung – der Himmel, der am Morgen völlig blau war, ist aschgrau geworden, als ob ein dichter Nebel alles bedecken würde. Es bleibt den ganzen Tag über so.«
(Jehanne Lorge, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

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06.04.1945: Räumungsmarsch, 1. Tag

Strecke des Räumungsmarsches des KZ Conti-Limmer, 1. Tag | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0
Strecke des Räumungsmarsches des KZ Conti-Limmer, 1. Tag | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0

Am frühen Morgen des 6. April 1945 überschreiten alliierte Truppen die Weser. Gegen 7 Uhr wird die Räumung der fünf KZ-Außenlager Hannovers befohlen. Die Häftlinge sollen in das ca. 160 Kilometer entfernte Hauptlager Neuengamme marschieren. Ihre Füße stecken in unbequemen Holzschuhen, die auf den unebenen oder gepflasterten Straßen schon nach kurzer Strecke Schmerzen verursachen.

»Am Morgen des 6. April scheinen unsere Wächter und Wächterinnen völlig verrückt. Als unsere Suppe gegen 9 Uhr fast fertig ist, wirft man uns auf einen Schlag Brote auf den Tisch (1 für je 2) und wir bekommen den Befehl herauszutreten. Mit Kolbenschlägen. Das Antreten dauert nicht lange, wir sind schnell gezählt. Wir lassen einige zu schwache Kameradinnen zurück: Sie haben Glück, sie werden vor uns befreit werden. Nach Befehlen und Gegenbefehlen, beladen mit unserem kleinen Beutel, einer Decke ... und einem Stück Brot, verlassen wir Hannover.»
(Rose Desserin, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

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06.04.1945: Räumungsmarsch, 1. Nacht in Fuhrberg (nach 36 Kilometern)

Der Hof in Fuhrberg heute mit neuer statt abgebrannter historischer Scheune | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0
Der Hof in Fuhrberg heute mit neuer statt abgebrannter historischer Scheune | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0

»Am späten Abend erreichten sie ein Dorf. Sie hielten vor der Scheune an, in der sie die Nacht verbringen sollten. Auf der Tenne lagen schon viele Menschen. Auf der Suche nach einem freien Platz musste ich über die Köpfe der Liegenden gehen. Man beschimpfte mich. Mit Mühe kletterte ich hoch, und nachdem ich über ein paar liegende Frauenkörper gestiegen bin, ließ ich mich aufs Stroh fallen. In der Scheune brannte ein schwaches elektrisches Licht. In dem anderen Teil der Scheune, auf dem Lehmboden, standen dicht aneinandergedrängt Häftlinge. Sie stritten miteinander, stöhnten, schrien. Man spürte, dass sie sehr gelitten haben, da sie wegen Platzmangels nicht einmal hocken konnten.
Die Blockältesten und der Kapo – die Bewacher dieser stöhnenden Häftlinge – machten es sich auf dem Stroh bequem. Sie machten sich an das Brot, die Margarine, den Zucker heran. Die von dem Essen herangelockten Mädchen robbten zu den Männern und ließen sich, im Gegenzug für ein Stück Brot, umarmen. Die Häftlinge von der Tenne riefen: ›Brot und Luft! Brot und Luft!‹ Die Kapos unterbrachen für einen Augenblick ihre Mahlzeit und die Liebkosungen, um auf die Köpfe der schreienden Männer zu springen und die Schreie mit Fäusten zu ersticken. Und dann kamen sie zurück zu den Mädchen ... Im Stroh eingegraben zitterte ich vor Kälte und konnte diese Schreie ›Brot und Luft‹ nicht aushalten. Was für eine Nacht, was für ein Alptraum.»
(Maria Suszyńska-Bartman, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

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07.04.1945: Räumungsmarsch, 2. Tag

Strecke des Räumungsmarsches des KZ Conti-Limmer, 2. Tag | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0
Strecke des Räumungsmarsches des KZ Conti-Limmer, 2. Tag | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0

»Am Morgen sind wir entschlossen, zu widerstehen und den Abmarsch zu verweigern. Wir sind entkräftet, einige zittern vor Fieber, und alle haben schmerzhafte Blasen. Die Holzstücke, die wir an die Füße gebunden tragen und die Schuhe genannt wurden, sind nicht für lange Märsche gemacht. Der Oberscharführer hat unser Vorhaben erraten und kommt, begleitet von Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett. Er droht uns mit der Maschinenpistole, da wir nicht gleich reagieren; die Soldaten stoßen uns mit den Gewehrkolben. Wir haben Angst vor dem Unvermeidbaren, der mörderischen Lektion, und wir geben nach. Im Hofe sehen wir den Mann vom Vorabend. Er ist ein Häftling aus dem kommando Stocken, das uns vorausging bei dem großen Auszug. Er ist nicht mehr zu erkennen, eine fürchterliche Wunde hat ihm den Schädel geöffnet ... Wir müssen marschieren.«
(Stéphanie Kuder, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

Dieser für die KZ-Bekleidung typische Holzschuh stammt aus dem Kochendorfer Salzbergwerk (Neckartal). Vermutlich hat ihn ein Häftling des KZ Kochendorf bei der Arbeit verloren. | © Simone Rapp, www.kz-kochendorf.de
Dieser für die KZ-Bekleidung typische Holzschuh stammt aus dem Kochendorfer Salzbergwerk (Neckartal). Vermutlich hat ihn ein Häftling des KZ Kochendorf bei der Arbeit verloren. | © Simone Rapp, www.kz-kochendorf.de

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07.04.1945: Räumungsmarsch, 2. Nacht in Hambühren (nach 16 Kilometern)

Die Sanddüne in Hambühren heute | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0
Die Sanddüne in Hambühren heute | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0

»Halt! Ein paar große Häuser auf der linken Straßenseite. Der Kommandant ist gegangen, um einen Zwischenaufenthalt auszuhandeln. Es geht! Sie selbst haben Unterkunft und Verpflegung gefunden. Bewacht von Soldaten, die sich im Verlauf der Nacht ablösen, werden die Häftlinge auf dem gegenüberliegenden Gelände zusammengepfercht.
Die Herde durchquert den Zaun. Es ist Platz für alle. Männer und Frauen hocken sich auf den schlammigen Erdboden, und der Regen durchdringt sie komplett. Außer dem Brot am Vortag und einem Glas Wasser haben sie nichts zu sich genommen."
(Jaqueline Francis-Bœuf, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

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08.04.1945: Räumungsmarsch, 3. Tag

Strecke des Räumungsmarsches des KZ Conti-Limmer, 3. Tag | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0
Strecke des Räumungsmarsches des KZ Conti-Limmer, 3. Tag | AK KZ Limmer, CC BY-SA 4.0

»Sie gingen an den Dörfern vorbei, die den polnischen Dörfern so unähnlich waren. [...] In ihren Träumen sahen sie kleine, mit Stroh gedeckte, zu Boden geneigte Hütten, wo sie bestimmt warmes Essen, ein Bündel frisches Stroh zum Schlafen bekommen würden. Wo man wohlgesinnte Herzen finden würde.
Und wieder das gleiche Hinschleppen von schmerzenden, mit Wunden und Blasen bedeckten Füßen. Und wieder dieser Marsch ins Unbekannte. So wie gestern und vorgestern fallen die Menschen vor Erschöpfung mitten auf dem Weg um. Und vielleicht ist es nicht mehr so weit zum Ziel. Wie viele Seufzer, wie viele Blicke werden in den Raum um uns herum geschickt.  Immer mehr Menschen bleiben am Straßenrand liegen.«
(Maria Suszyńska-Bartman, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

»Wir gehen mit den Männern. Sie sind noch müder als wir, denn sie haben die Entfernung, für die wir zwei Tage brauchten, in vierundzwanzig Stunden zurückgelegt. Ihr Gesicht ist gelb, ihre Haut trocken, ihr Blick fiebrig. Sie gehen mit großen steifen, holprigen Schritten vorwärts; einige werden von Kameraden gestützt; ein Junge schleppt seinen röchelnden Vater. Alle Augenblicke verlässt ein erschöpftes und verzweifeltes Wesen die Kolonne und legt sich an den Straßenrand.
Ich werde niemals diesen sitzenden Mann vergessen. Ein SS-Mann nähert sich ihm, den Revolver in der Hand, und berührt seine Schulter. Ohne sich umzudrehen, erhebt sich der Mann und folgt ihm. Die Männer mit der Schaufel schließen sich an. Ein Schuss: Der SS- Mann und die Totengräber kommen allein zurück. Ich habe diesen Mann, der wusste, dass er sterben würde, gesehen: Sein Gesicht war leer. Die gleiche Szene wiederholt sich alle 500 Meter.«
(Stéphanie Kuder, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

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08.04.1945: Räumungsmarsch, 3. Tag – Ankunft in Bergen-Belsen (nach 25 Kilometern)

KZ Bergen-Belsen nach der Befreiung: Blick von einem Wachturm auf das bereits größtenteils evakuierte Lager 1 | Gemeinfrei, Wikimedia Commons
KZ Bergen-Belsen nach der Befreiung: Blick von einem Wachturm auf das bereits größtenteils evakuierte Lager 1 | Gemeinfrei, Wikimedia Commons

»Die Tore öffneten sich, und die Häftlinge traten in das bitterkalte und fremd riechende Lager ein. Die eintönigen Straßen der Baracken waren durch Stacheldrahtzäune geteilt. Jede Lagerstraße endete mit einem bewachten Tor. Es schien, als gäbe es keine Gefangenen im Lager, als wären alle gestorben. Die Kälte, die Baracken, der Stacheldraht, die Wachtürme und die Straße, die wir mit unseren letzten Kräften gehen – all das erschien bedrohlich.“
(Maria Suszyńska-Bartman, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

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09.04.1945: Leid und Tod in Bergen-Belsen

Frauen im KZ Bergen-Belsen nach der Befreiung | Gemeinfrei, Wikimedia Commons
Frauen im KZ Bergen-Belsen nach der Befreiung | Gemeinfrei, Wikimedia Commons

»Wir sind von Toten umgeben. Die Baracke, die sich unserem block anschließt, ist gefüllt mit Leichen. An diesem Morgen wusste ich es noch nicht. Ich wollte zur Toilette gehen, irrte mich aber in der Tür. Als ich sie öffnete, zeigte sie auf ein Leichenfeld. Hunderte von toten, nackten Frauen ruhen durcheinander in grotesken Stellungen unter dem Zelt.«
(Stéphanie Kuder, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

KZ Bergen-Belsen nach der Befreiung: Frauen bergen Leichen aus einem Zelt | Gemeinfrei, Wikimedia Commons
KZ Bergen-Belsen nach der Befreiung: Frauen bergen Leichen aus einem Zelt | Gemeinfrei, Wikimedia Commons

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10.04.1945: Befreiung in Limmer

Gefangene des KZ Conti-Limmer nach der Befreiung vor einer Baracke des Lagers | Gérard Raphaël Algoet, Cegesoma (Centre for Historical Research and Documentation on War and Society), CEGES CA NEG 224
Gefangene des KZ Conti-Limmer nach der Befreiung vor einer Baracke des Lagers | Gérard Raphaël Algoet, Cegesoma (Centre for Historical Research and Documentation on War and Society), CEGES CA NEG 224

»Plötzlich ist es still, mit gespitzten Ohren lauschen wir den Geräuschen in der Ferne, wir hören Gesang, ohne zu verstehen, was gesungen wird. Ich stehe am Fenster, da kommen sie, sie sind am Eingang des Lagers, wie verrückt wirbele ich herum, ich kann meine Latschen nicht finden, wir laufen hin, zwei amerikanische Schützen sind da, wie unsere Freude beschreiben, wir schauen sie mit gefalteten Händen an, mit Tränen in den Augen, sie sind überrascht, müde, sie haben drei Tage und drei Nächte gekämpft und wir sind die ersten französischen politischen Gefangenen, die sie treffen [...].
Sie bitten uns, das Lager nicht zu verlassen [....][weil] um uns herum immer noch gekämpft wird, also holen wir zu einer unvergesslichen Minute unsere Fahne heraus und ziehen mit ihr zum Lagertor [...] dort gehisst, weht sie frei und stolz, wir machen einen Kreis, eine Schweigeminute, gedenken unserer in Deutschland gestorbenen Kameradinnen und auch derjenigen, die weniger Glück haben als wir, die noch unterwegs sind [...]. Dann erhebt sich der Gesang unserer Marseillaise, wie soll man diese Momente vor dem Block der Mäuse* beschreiben, wo wir so geschlagen, so schikaniert, so verängstigt worden sind. Nun sind wir frei, frei, frei [...]«
(Yvonne Curvale, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

*Abfällige Bezeichnung der Gefangenen für die SS-Aufseherinnen.

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15.04.1945: Befreiung in Bergen-Belsen

15.04.1945: Ein britischer Panzer vor dem Lagertor des KZ Bergen-Belsen | Gemeinfrei, Wikimedia Commons
15.04.1945: Ein britischer Panzer vor dem Lagertor des KZ Bergen-Belsen | Gemeinfrei, Wikimedia Commons

»Und dann ... ein Sonntag. Am 15. April 1945, um vier Uhr nachmittags, stehe ich mit Stephe und einigen anderen Kameradinnen vor der Küche, die an der zentralen Lagerstraße liegt, ziemlich nah am Eingang, und wir sehen die ersten Engländer.
Ich glaube, dass ich für einen kurzen Moment das Bewusstsein verloren habe. Ich kann mich nicht an meine erste Reaktion erinnern. Dann sehe ich, dass geweint und gelacht wird. Es ist ein unbeschreibliches Drängeln hin zu unseren Befreiern, sie werden umarmt und diese doch eigentlich rauen Soldaten haben Tränen in den Augen. Ich laufe wie eine Verrückte zu unserem Block. Wie weit entfernt er ist! ›Sie sind da. Sie sind da.‹ Und wir singen die Marseillaise.«
(Cécile Huk, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

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24.04.1945: Rückkehr von Bergen-Belsen nach Frankreich

Straße zum KZ Bergen-Belsen kurz nach der Befreiung | Gemeinfrei, Wikimedia Commons
Straße zum KZ Bergen-Belsen kurz nach der Befreiung | Gemeinfrei, Wikimedia Commons

»Die Engländer beeilen sich. Sie begraben die Toten. Sie evakuieren 10 000 Typhuskranke. Aber wir warten noch zehn Tage, bis wir dieses Lager des Grauens und des Schmutzes verlassen können.
Am 24. April 1945, um drei Uhr nachmittags, besteigen wir die Lastwagen. Das Lagertor ist offen. Ich sehe dieselben Bäume wie am Tage unserer Ankunft wieder, und es sind nicht mehr dieselben. Birken, zitternd im Licht, säumen die Straße.
Von allen Lastwagen steigt das Lied der Gefangenen auf:
Oh, Erde, endlich frei,
Wohin wir gehen neu zu leben,
Lieben.“
(Stéphanie Kuder, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

#otd

30.04.1945: Rückkehr von Hannover-Limmer nach Frankreich

Blick auf das Continental-Werk in den 50er-Jahren | Privatbesitz Jürgen Hartig
Blick auf das Continental-Werk in den 50er-Jahren | Privatbesitz Jürgen Hartig

»Als die Lastwagen gegen 10 Uhr eintrafen, wurden sie von einem schallenden ›Hurra!‹ begrüßt. Wir versammelten uns um unsere Fahne und stimmten eine leidenschaftliche Marseillaise an, so verabschiedeten wir uns von diesem verhassten Ort. Fröhlich bestiegen wir die Lastwagen, es ging los ... Adieu, Hannover-Limmer. Adieu, alle Leiden! Das Leben hatte uns wieder, voller Hoffnung ...«
(Simonne Rohner, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

#otd

#befreitabernichtfrei

08.05.1945: Nach der Rückkehr in Paris

Blick auf den Eiffelturm 1945 | Gemeinfrei, Wikimedia Commons
Blick auf den Eiffelturm 1945 | Gemeinfrei, Wikimedia Commons

»Ich rannte die Treppen hinauf und stürzte in das kleine Zimmer; eine lebende Leiche erwartete mich. Er sah mich an und ein kleines Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab: ›Ah, da bist du ja, Mama! Du bist auch zurückgekommen ...‹
Er schloss die Augen, ich drückte meine Lippen auf seine schweißüberströmte Stirn, er öffnete erneut die Augen und sagte zu mir: ›Diese Schweine haben mich nicht geschafft!‹
Erschöpft wendete er den Blick ab. Ich blieb nah bei ihm, hielt seine fieberheiße Hand. Die harte Wirklichkeit traf mich tief, ein neuer Kampf wartete auf mich, ein Kampf gegen den Tod, den ich in dem kleinen stickigen Zimmer schon spüren konnte.
Später lag ich in meinem Bett, die Nacht war schrecklich, voller Tränen und Schluchzer. Nein, das war es nicht gewesen, wovon ich geträumt hatte, als ich mir die Rückkehr ausgemalt hatte. Das Leben lastete auf mir. Alle Freude hatte mein Herz verlassen. Sorgen und Ängste kehrten zurück. Der Kampf begann aufs Neue.
Es war der 8. Mai 1945 ...«
(Simonne Rohner, ehemalige Gefangene des KZ Conti-Limmer)

#biografien

#verfolgte

Maria Suszyńska-Bartman

Buchcover | Eigene Aufnahme
Buchcover | Eigene Aufnahme

»Wissen die ruhigen Einwohner von Hannover, dass es in der Nähe ihrer Kirche, in der sie beten und ihre Lieder singen, eine Hölle für tausend unschuldige Frauen gibt?«

Maria Suszyńska wird am 1. Dezember 1906 im Dorf Nowa Ruda in der Woiwodschaft Wielkopolskie (Großpolen), Kreis Konin, geboren. Später lebt sie mit ihren Eltern und ihren zwei Brüdern in Warschau.

1938 debütiert sie als Schriftstellerin mit dem Gedicht »Romans« (Romanze).

Maria Suszyńska (ganz rechts) auf einem Familienfoto, vermutlich in den 1920er-Jahren aufgenommen | Privatbesitz Kenneth Susynski
Maria Suszyńska (ganz rechts) auf einem Familienfoto, vermutlich in den 1920er-Jahren aufgenommen | Privatbesitz Kenneth Susynski

Am 12. September 1939 fällt während der Verteidigung von Warschau ihr Bruder Jan. Ihr Bruder Szczepan wird im Oktober 1943 verhaftet und am 15. März 1944 in Majdanek ermordet.

Am 1. August 1944 beginnt der Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer, der brutal niedergeschlagen wird. Im Zuge der Vergeltungsmaßnahmen gegen die Zivilbevölkerung wird Maria Suszyńska um den 20. August inhaftiert und über das Durchgangslager Pruszków in das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig verschleppt.

Vom 29. September bis zum 1. Oktober 1944 wird sie in einer Gruppe von 500 Frauen in Güterwaggons nach Hannover deportiert und kommt in das KZ-Außenlager Langenhagen der Brinker Eisenwerke, wo sie in der Munitionsproduktion schwerste Zwangsarbeit leisten muss.

In der Nacht vom 5. auf den 6. Januar 1945 wird das KZ Langenhagen durch einen Bombenangriff zerstört und die Gefangenen werden im nun vollkommen überfüllten KZ Conti-Limmer inhaftiert.

Nach dem Räumungsmarsch in das KZ Bergen-Belsen wird Maria Suszyńska dort am 15. April 1945 befreit.

Sie bleibt zunächst im Displaced Persons Camp Belsen, das die Briten in der nahe gelegenen Wehrmachtskaserne eingerichtet haben; als sie an dem grassierenden Fleckfieber erkrankt, kommt sie in das dortige Krankenhaus. Sie gehört zu den rund 7000 Gefangenen aus dem KZ Bergen-Belsen, die nach dem Krankenhausaufenthalt zur Kur nach Schweden fahren. Die Überfahrt von Lübeck nach Stockholm findet Mitte Juli 1945 statt.

Nach ihrer Rückkehr nach Polen ist Maria Suszyńska wieder als Schriftstellerin tätig. In ihren Büchern »Nieświęte męczennice« und »Odpoczynek w Sigtunie« schreibt sie über den Warschauer Aufstand, ihre KZ-Gefangenschaft und die anschließende Zeit der Erholung in Schweden.

Maria Suszyńska-Bartman stirbt am 25. März 1991 und wird auf dem Friedhof von Bydgoszcz beigesetzt.

Im hannoverschen Stadtteil Limmer ist in direkter Nachbarschaft zum Gelände des ehemaligen KZ Conti-Limmer seit 2018 der Maria-Suszyńska-Bartman-Weg nach ihr benannt.

Maria Suszyńska-Bartmans autobiografischer Bericht »Nieświęte męczennice«, aus dem das Eingangszitat stammt, ist 1971 im Verlag Czytelnik (Warszawa) erschienen. Auf Deutsch wurde er bisher nicht veröffentlicht.

 

#biografien

#taeterschaft

Lina Hillebrecht – Arbeiterin und KZ-Aufseherin bei der Continental A. G. in Limmer

Aufseherinnen des KZ Ravensbrück in Erwartung eines Besuchs von Reichsführer SS Heinrich Himmler, Januar 1941 (SS-Propagandafoto) | Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück
Aufseherinnen des KZ Ravensbrück in Erwartung eines Besuchs von Reichsführer SS Heinrich Himmler, Januar 1941 (SS-Propagandafoto) | Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück

»Unsere ›Aufseherin[n]en‹ wurden ausgewechselt. Eine von ihnen, Lisa [richtig: Lina Hillebrecht] [...], war eine dunkelhäutige Bohémienne (1) mit einem dunklen Blick, sehr jung, etwa 25 Jahre alt. Sie hatte auch bei Continental gearbeitet. Sie war von erschreckender Brutalität und schlug alle, die lächelten, wenn sie vorbei ging. Sie dachte, man würde sich über sie lustig machen (was tatsächlich der Fall war). Ihre Schläge waren sehr heftig und langanhaltend, und ohne Grund schlug sie immer dieselben Frauen. Wir gaben ihr den Spitznamen ›la Bohémienne‹.« ... so berichtet Annette Chalut, die als 20-Jährige wegen Widerstandstätigkeit aus Frankreich nach Deutschland ins KZ Conti-Limmer deportiert worden war.

Wie war Lina Hillebrecht zur KZ-Aufseherin geworden?

Irgendwann im April, Mai 1944 hatte die Continental A. G. im Werk Hannover-Limmer die Arbeiterinnen ganzer Jahrgänge versammelt. Wie in vielen anderen Betrieben zu dieser Zeit erschien hier der SS-Offizier Edmund Bräuning und erklärte, dass er Aufsichtsführende für ein Umerziehungslager in Ravensbrück brauche. Er beschrieb die Tätigkeit in schönen Farben, pries die vorzügliche Verpflegung, die Unterbringung und das gute Einkommen. Konzentrationslager und Häftlinge erwähnte er angeblich nicht. (2)

Mehrere junge Frauen meldeten sich freiwillig. Darunter auch die ledige Lina Hillebrecht. Im Juni 1944 kam sie in das Frauen-KZ Ravensbrück und wurde dort in ihre Tätigkeit als KZ-Aufseherin eingewiesen. Schon nach einer Woche wurde sie in ein KZ-Außenlager bei einem Rüstungsbetrieb in Magdeburg versetzt, und nach weiteren vier Monaten kam sie in das KZ-Außenlager Conti-Limmer in Hannover. Ein halbes Jahr zuvor war sie in diesem Betrieb selbst Arbeiterin gewesen.

Am 14. Dezember wurde sie 1919 in der Fannystraße 37 (3) geboren, wo sie auch aufwuchs. Dieser »Fanny-Block« war eine Mietskaserne, die 1854 von der Hannoverschen Baumwollspinnerei als Werkssiedlung in zwei zweigeschossigen Häuserreihen angelegt worden war. Diese Wohnumgebung war selbst im Arbeiterstadtteil Hannover-Linden eine der ärmlichsten. Die schlichten Wohnungen bestanden überwiegend aus drei, zum Teil aber auch aus vier Räumen und waren ca. 30 qm groß. (4) Die sanitären Verhältnisse waren katastrophal, und die hygienischen Probleme besserten sich nur geringfügig, als nach der großen Thyphusepidemie, von der im Herbst 1926 ausschließlich die Arbeiterviertel Linden, Ricklingen und Altstadt betroffen waren, (5) Wasserspülklosetts im Fanny-Hof eingerichtet wurden.

In dem besonderen sozialen Mikrokosmos des Fanny-Blocks, zwischen sozialdemokratischen und kommunistischen Arbeiterfamilien, lebte Lina Hillebrecht zusammen mit ihren Eltern, der Schwester Emma (geboren am 15.07.1915) und den zwei Brüdern in der Wohnung. Nach der Eheschließung der Schwester 1935 war die beengte Wohnsituation wahrscheinlich etwas erträglicher geworden.

Das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern war im Wohnumfeld im Allgemeinen durch Forderung nach striktem Kadavergehorsam geprägt. »Erwachsene und Kinder erlebten sich einfach ganz unmittelbar im Alltag, wobei der alltägliche Kontakt sich in erster Linie als striktes Respektsverhältnis darstellte: Unterordnung der kindlichen Bedürfnisse unter die Interessensperspektive der Erwachsenen, die weitgehend durch die materielle Not geprägt war. ›Respekt haben – nicht frech sein – sich ruhig verhalten – die Pflichten erfüllen – keine Widerworte haben – keine Konflikte riskieren – keine unangemessenen Wünsche riskieren‹, so wird fast durchgängig die Beziehungen zu den Eltern, zu Erwachsenen überhaupt charakterisiert.« (6) Die Mitarbeit der Kinder war eine selbstverständliche Pflicht in den Familien.

Politisch dominierten die Arbeiterparteien. Zeitzeugen erinnerten rückblickend ein SPD-Übergewicht, aber auch ein Verhältnis SPD:KPD von 50:50. »Zugehörigkeit zu Arbeitervereinen, insbesondere dem Arbeitersport und der Gewerkschaft, war verbreitet.« (7)

1941 verlobte sich Lina Hillebrecht mit dem sieben Jahre älteren Kurt aus der Viktoriastraße.

Seit Juli 1941 war sie als Arbeiterin im Werk Limmer der Continental A.G. beschäftigt. Dorthin kehrte sie im Oktober 1944 in Uniform zurück. Sie musste nicht wie die meisten anderen SS-Aufseherinnen im Lager übernachten und hatte die Genehmigung, zu Hause zu schlafen. Täglich ging sie nach der zwölfstündigen Dienstzeit die zwei Kilometer in die Wohnung zurück.

Als das Lager geräumt wurde, will sie im April 1945 auf eigenes Risiko nach Hause gegangen sein.

Als am 10. April amerikanische Truppen in Hannover einrückten, hingen im Fanny-Block rote Fahnen aus den Fenstern! (8)

Nachdem Lina Hillebrecht von ehemaligen KZ-Häftlingen erkannt worden war, flüchtete sie im September 1945 nach Düsseldorf. Zwei Monate später kam sie nach Hannover zurück und arbeitete ab Dezember 1945 in einem Bekleidungsamt der Besatzungsmacht, bis sie am 20. März 1946 in der Fannystraße verhaftet wurde. Die Wohnadresse war den französischen Gefangenen schon im Lager bekannt geworden; als einzige SS-Aufseherin aus dem KZ Conti-Limmer wurde sie vor Gericht gestellt. Das Festnahmeprotokoll sagt aus: Beruf Näherin, 1,68 m groß, 55 kg schwer, dunkelbraune Haare, grüne Augenfarbe, frischer Teint.

Im Ermittlungsverfahren gab Lina Hillebrecht zu, drei Französinnen und 5 Russinnen mit der Hand ins Gesicht geschlagen zu haben. (9) Ein französisches Militärgericht verurteilte sie am 17. September 1947 zu 10 Jahren Gefängnis. (10) Lina Hillebrecht musste ihre Strafe im Strafgefängnis Germersheim bei Speyer antreten.

Durch den französischen Hohen Kommissar wurde im Gnadenwege ein Strafnachlass gewährt, und am 12. April 1952 endete die Strafhaft. Durch das Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland wurde Hillebrecht »entsprechend betreut«. Am 18.04.1952 wohnte Lina Hillebrecht wieder in der Fannystraße 37, die nun eheliche Wohnung ihrer Schwester war. Die Eltern waren mittlerweile verstorben. (11)

Am 19.08.1953 schloss sie mit ihrem langjährigen Verlobten die Ehe. Trotz des Frauenüberschusses nach Kriegsende und der sechsjährigen Haftzeit war er ihr verbunden geblieben. 1953 zog das Ehepaar in die Schulenburger Landstraße 110, einen großen Wohnblock in wenig attraktiver Wohnlage. 1955 wurde eine Tochter geboren. (12) Im März 1980 starb der Ehemann. Das Leben von Lina Sch. endete sechs Jahre später im Oktober 1986 im Viethof 19 in Hannover-Vahrenwald. (13)

Was hatte 42 Jahre zuvor die junge Frau bewogen, sich für die Tätigkeit im KZ zu melden? Hatte der höhere Lohn gelockt? War es die Hoffnung auf sozialen Aufstieg gewesen – von der Arbeiterin zur Angestellten? Wollte sie dem ärmlichen Leben im Fanny-Block entfliehen?

Es bleiben viele offene Fragen ...


(1) ›Zigeunerin‹
(2) vgl. Margarete Buber-Neumann: Als Gefangene bei Stalin und Hitler,  Stuttgart, Herford 1985, S. 312.
(3) Adressbuch v. Hannover u. Linden 1920.
(4) Ilse Winter: Alltag und Arbeiterkultur in der Fannystraße, Typoskript, Diplomarbeit 1978, S. 65.
(5) https://www.spiegel.de/geschichte/typhus-epidemie-in-hannover-a-947264.html
(6) Winter: Alltag, S. 85.
(7) ebd.
(8) Ruth Loah: Kinderszenen im Kriege, in: Helmut Schmidt et al.; Kindheit und Jugend unter Hitler, Berlin 1992.
(9) Aussage der Lina Hillebrecht am 19. März 1946 (PRO: WO 309/406).
(10) Über den Prozess erschien 1993 ein Artikel, in dem aus Zeuginnenaussagen ehemaliger Gefangener des KZ Limmer zitiert wird: Hanna Elling, Ursula Krause-Schmitt: »Die Ravensbrück-Prozesse vor französischen Militärgerichten in Rastatt und Reutlingen«.
(11) Der Vorstand des Strafgefängnisses Germersheim im Schreiben an die Zentrale Rechtsschutzstelle in Bonn vom 12.05.1952, in Akte ZRS_Gnadenverf. Lina Hillebrecht.
(12) Einwohnermeldekartei Hannover.
(13) Auskunft der Meldebehörde.

#initiativen

Gedenktafel 1947

Gedenktafel, 1947 | Freizeit- und Bildungszentrum Weiße Rose, Handakten Gerhard Grande. Repro aus: Kulturamt LH Hannover: Konzentrationslager in Hannover, Ausstellung im Kubus 1983
Gedenktafel, 1947 | Freizeit- und Bildungszentrum Weiße Rose, Handakten Gerhard Grande. Repro aus: Kulturamt LH Hannover: Konzentrationslager in Hannover, Ausstellung im Kubus 1983

Kurz nach der Befreiung vom Nationalsozialismus, die von der Mehrheitsgesellschaft damals allerdings nicht als Befreiung, sondern als Niederlage und Zusammenbruch empfunden wurde, ging die Initiative zum Gedenken an die Verbrechen fast ausschließlich von ehemaligen NS-Opfern aus. So war es der »Hauptausschuss ehemaliger politischer Gefangener«, kurz »KZ-Ausschuß« genannt, der im Herbst 1947 Erinnerungstafeln an den Standorten der ehemaligen Konzentrationslager aufstellen ließ – so auch am KZ Limmer.

Das Gedenken wurde von der hannoverschen Bevölkerung jedoch weitgehend ignoriert. So rief schon 1946 bei einer Feier zur Erinnerung an die Opfer des KZ Mühlenberg ein Redner: »Hannoveraner, wo seid ihr? Habt ihr die 12 Millionen Opfer schon vergessen, lassen euch die Greuel der Konzentrationslager so unbeirrt, daß ihr schon nicht mehr gedenkt?«*

Dies sollte bis Anfang der 1980er-Jahre so bleiben …


* Hannoversche Nachrichten vom 8. April 1946, zit. nach Rainer Fröbe u. a.: Konzentrationslager in Hannover – KZ-Arbeit und Rüstungsindustrie in der Spätphase des Zweiten Weltkriegs, Hildesheim 1985, S. 558.

#initiativen

Gedenkstein 1987

Einweihung des Gedenksteins für das KZ Conti-Limmer am 15. Mai 1987 | Privatbesitz Ernst Barkhoff
Einweihung des Gedenksteins für das KZ Conti-Limmer am 15. Mai 1987 | Privatbesitz Ernst Barkhoff

Wie allgemein in Westdeutschland verschwand auch in Hannover in den 1950er-Jahren die öffentliche Erinnerung an die KZ-Außenlager in der Nachbarschaft.

Erst 1977 fand an der Uni Hannover eine erste Lehrveranstaltung dazu statt. Aus der wissenschaftlichen Arbeit folgten Anfang der 80er-Jahre erste Ausstellungen und Zeitungsartikel.

1984 fasste der SPD-dominierte Bezirksrat Linden-Limmer einstimmig den Beschluss, eine Gedenktafel für das KZ Limmer aufzustellen. 1985 gründete sich aus der »Friedensinitiative Limmer« heraus eine »Arbeitsgruppe Gedenktafel KZ Limmer«, die einen Text für die Tafel erarbeitete, der nach leichter Veränderung mit den Stimmen von SPD und DKP im Stadtbezirksrat beschlossen wurde.Der Verwaltungsausschuss der Stadt zog jedoch einen sehr unkonkreten Text vor, der auch die Nutznießer der Zwangsarbeit der Gefangenen nicht benannte.

Es ist dem Widerstand aus dem Stadtbezirksrat und der beharrlichen Arbeit der Bürgerinitiative zu verdanken, dass diese Tafel so nicht errichtet wurde. Nach der Kommunalwahl 1986, die die CDU/FDP-Mehrheit im Stadtrat beendete, beschloss der Verwaltungsausschuss dann den Text, der heute auf der bronzenen Gedenktafel zu lesen ist.

Am 15. Mai 1987 wurde die von dem Bildhauer Heinz Teichmann gestaltete Gedenktafel im Beisein der ehemaligen KZ-Häftlinge Antonia Czachor und Gloria Hollander-Lyon sowie des damaligen Oberbürgermeisters Herbert Schmalstieg an der Kreuzung Sackmannstraße / Stockhardtweg, in der Nähe des ehemaligen Ortes der südöstlichen Lagerecke, eingeweiht.

Gedenkstein für das KZ Conti-Limmer | Tim Rademacher, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons
Gedenkstein für das KZ Conti-Limmer | Tim Rademacher, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

#initiativen

Informationstafel 2015

Einweihung der Infotafel für das KZ Conti-Limmer am 10. April 2015 | Tim Rademacher
Einweihung der Infotafel für das KZ Conti-Limmer am 10. April 2015 | Tim Rademacher

Lange Zeit erinnerte nur eine eher unauffällige, 1987 auf einem niedrigen Sockel angebrachte Gedenktafel an das KZ Conti-Limmer. Selbst vielen Bewohner_innen des Stadtteils blieb sie unbekannt.

1999 gab die Continental AG ihren Betrieb in Limmer auf, und die Überplanung des Werks- und damit auch des ehemaligen KZ-Geländes zum Wohngebiet »Wasserstadt Limmer« begann. Im Jahr 2004 beschloss der Bezirksrat Linden-Limmer, dass auf dem Conti-Gelände ein »angemessener Ort des Gedenkens« geschaffen werden soll. Gleichwohl geschah lange Zeit nichts.

Daher hat sich 2008 der Arbeitskreis »Ein Mahnmal für das Frauen-KZ in Limmer« gegründet, eine rein ehrenamtliche Initiative, die seitdem zur Geschichte des Lagers geforscht, Berichte ehemaliger Gefangener gesammelt, mit Zeitzeug_innen aus Limmer gesprochen und erste Ergebnisse 2011 als Broschüre veröffentlicht hat. 2012 war die ehemalige Gefangene Dr. Annette Chalut in Hannover und berichtete über ihre Haft in Limmer.

Bisher sichtbarster Ausdruck unserer Arbeit ist eine städtische Informationstafel neben dem Gedenkstein, die der Arbeitskreis gestaltet hat und die am 10. April 2015 – dem 70. Jahrestag der Befreiung des Lagers – eingeweiht wurde.

Unser Ziel bleibt weiterhin die Schaffung eines gut sichtbaren Gedenkorts für das KZ-Außenlager Conti-Limmer. Wer dabei mitwirken möchte, ist herzlich dazu eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen!

Einweihung der Infotafel für das KZ Conti-Limmer am 10. April 2015 | Tim Rademacher
Einweihung der Infotafel für das KZ Conti-Limmer am 10. April 2015 | Tim Rademacher

#historischeorte

Baracken des KZ Conti-Limmer, 1959. Ein Zeitsprung.

Blick aus dem 2. Stock der Wunstorfer Straße 96 nach Norden auf das ehemalige KZ-Gelände, März 1959. Die beiden Häftlingsbaracken des KZ stehen noch, davor ein Altreifenlager der Continental | Privatbesitz Jürgen Hartig
Blick aus dem 2. Stock der Wunstorfer Straße 96 nach Norden auf das ehemalige KZ-Gelände, März 1959. Die beiden Häftlingsbaracken des KZ stehen noch, davor ein Altreifenlager der Continental | Privatbesitz Jürgen Hartig

In diesen KZ-Baracken, ursprünglich ausgelegt für 500 Personen, waren zeitweise mehr als 1000 Frauen aus Frankreich, Polen, Russland und anderen Ländern eingepfercht , die u. a. Zwangsarbeit im Contiwerk leisten mussten.

Nach Kriegsende zogen für einige Zeit Flüchtlinge ein. Danach wurde das Gelände als Gartenkolonie für Conti-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter genutzt, bis diese Lagerplätzen für Altgummi, Altreifen, Fabrikationsmüll Platz machen mussten. Anfang der 1960er-Jahre dann der Abriss der Baracken, moderne Lagergebäude folgten.

Das ehemalige KZ war restlos verschwunden … Auch die Erinnerung daran ...

#historischeorte #objekte

Isolator

Isolator eines Elektrozauns, gefunden auf dem Gelände des ehemaligen KZ Conti-Limmer, Mai 2015 | AK KZ Limmer
Isolator eines Elektrozauns, gefunden auf dem Gelände des ehemaligen KZ Conti-Limmer, Mai 2015 | AK KZ Limmer

Mai 2015. Die Stadt Hannover veranlasst archäologische Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen KZ Conti-Limmer. Ein Schaufelbagger gräbt sich vorsichtig in den Boden aus Erde, Steinresten, Bodenschlacke, Glasfragmenten, Tonscherben. Der Boden wird glattgezogen. Eine Doppelreihe runder, dunkler Bodenverfärbungen wird sichtbar. Spuren des Doppelzauns, einer davon Sichtschutz, der andere Elektrozaun. Und nur schwarze Spuren, die geblieben sind, sichtbar gemacht durch Anfeuchten. Suche nach Gegenständen aus dem ehemaligen KZ. Fundstück: Ein Isolator. Sichtbarer Ausdruck des Gefangenseins, des Zwangs, der Unmenschlichkeit.

#historischeorte

Boden einer Baracke des KZ Conti-Limmer, November 2015

Bodenreste einer Baracke des KZ Conti-Limmer, November 2015 | AK KZ Limmer
Bodenreste einer Baracke des KZ Conti-Limmer, November 2015 | AK KZ Limmer

Anfang der 1960er werden die Baracken des KZ Limmer abgerissen. Ihre Geschichte, das Leid, das sie gesehen und gehört haben, werden zugeschüttet, verschwinden unter Betonfundamenten für Lagerhäuser und einer neuen Straße.

Im Juli 1967 brennen Lagerhäuser und Reifenberge. Grauschwarze Rauchwolken verdunkeln den Himmel. Das ehemalige KZ versinkt noch tiefer in der Erinnerung.

November 2015. Die Straße wird abgerissen, da sie nicht in das neue Wohngebiet passt. Die Stadt Hannover veranlasst die archäologische Begleitung. Plötzlich stößt der Bagger auf Widerstand. Dann liegt ein Teil einer ehemaligen Baracke wieder frei. Fliesenreste, ein Kaminzug. Geschichte wird sichtbar.